Rolf Trostel

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spooky
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Rolf Trostel

Beitrag von spooky » Di 9. Aug 2016, 11:15

INSELMUSIK (1981):

Formal gesprochen, ist „Inselmusik“ eine Demonstration des Synthesizers PPG Wave Computer
360 A. Einen Prototypen hatte Rolf Trostel als kurzzeitiger Vertriebsmitarbeiter des Herstellers
schon häufiger öffentlich vorgeführt. Inhaltlich gesprochen, ist „Inselmusik“ minimalistische, meditative
und besinnliche Musik voll von wundersamen Chor-Klängen, Flöten- und Effekt-Sounds. Sich
überlagernde Sequenzer-Linien und dominante Flächen mit Wohlfühlharmonien werden durch beruhigende
und besänftigende Beats getragen. Trostel beschrieb seine Musik damals als Klangfarbenkompositionen.
Heute ist die Wavetable genannte Syntheseform allgegenwärtig und – deutlich weiterentwickelt – in
vielen Soundkarten und Digitalsynthesizern anzutreffen. In dem PPG Wave Computer 360 A war
die Syntheseform noch sehr puristisch, was sich in einem klirrenden, teilweise harschen bis brüchigen
Klang äußerte. Das sehr eigene Klangbild, gerade auch in Kombination mit der selbst für heutige
Verhältnisse wuchtigen Kick der charmanten Drum-Machine CR-78 CompuRhythm von Roland,
war damals mit Sicherheit deutlich überraschender als heute.
Unsere Ohren haben sich längst an die mit der Wavetable-Technologie erzeugten digitalen Klänge
und Klangverläufe gewöhnt. Doch gerade die filterlose, puristische Umsetzung betont die klanglichen
Eigenarten. „Inselmusik“ erlaubt es uns deshalb noch einmal zu ahnen, wie überraschend die
teilweise harschen Sounds damals geklungen haben müssen.
Trostels erste Veröffentlichungen sind insofern ein wichtiges Zeitdokument und als Rarität zu
werten, da sie zu den wenigen Alben zählen, bei denen der Wegbereiter der Wavetable-Synthese
eine klanglich so zentrale Rolle einnahm; „Inselmusik“ hat Rolf Trostel sogar ausschließlich mit
diesem Synthesizer, dem zugehörigen Sequenzer und dem CR-78-Drumcomputer im eigenen
Heimstudio eingespielt. Die Erstauflage von 1000 LPs war schnell verkauft, was Trostel ermutigte
weiterzumachen.

TWO FACES (1982):

Klanglich macht sich Trostels angewachsener Instrumentenpark bemerkbar. Während beim
Vorgänger neben den damals neuartigen Klängen des PPG Wave Computer 360 A und dem
zugehörigen Sequenzer nur die Drum-Machine CR-78 CompuRhythm von Roland zum Einsatz
kam und insofern ein ziemlich puristisches Klangbild vorherrschte, wird das Instrumentarium
bei „Two Faces“ durch den Solo-Synthesizer Minimoog und einen String-Synthesizer bereichert.
Die CR-78 gilt als erster programmierbarer Drumcomputer und ist beispielsweise auch
bei Phil Collins’ Hit „In the Air Tonight“ und im Intro der Albumversion von Blondies „Heart of
Glass“ sehr prägnant zu hören. Ihre durchsetzungsfähigen Sounds setzte Trostels auf „Two
Faces“ vergleichsweise verhalten und oft im Hintergrund ein, sicherlich um den Wavetable-
Klängen nicht die Show zu stehlen.
Wie schon bei „Inselmusik“ hören wir auf „Two Faces“ zahlreiche mit den Möglichkeiten des
PPG 350 Computer Sequencer gestaltete Synthsound-Läufe, die sich überlagernd ergänzen
und oft auch die Akkordprogressionen und das Song-Gerüst stellen. Der digitale PPG-Sequencer
bot dafür einige innovative Features. Der Musiker konnte die Noten einer Sequenz auf
Knopfdruck invertieren oder beispielsweise die Sequenz über die Klaviatur wahlweise bei Noten-
oder Loop-Ende transponieren. Selbstverständlich konnte neben dem PPG 360 Wave
Computer A auch analoge Synthesizer angesteuert werden, und die Synchronisation mit Bandmaschinen
stellte ebenfalls kein Problem dar.
Rolf Trostel selbst empfand „Two Faces“ im Vergleich zu „Inselmusik“ als vielseitiger und aggressiver
und „vom Gedanken der Meditation abgewandt, ohne aber ganz auf besinnliche
Strukturen zu verzichten“. Die von ihm selbst vertriebene Erstauflage dieses in Eigenproduktion
erstellten Longplayers belief sich auf 2000 Exemplare, von denen heute nur noch selten eines
das Licht des Gebrauchtmarktes erblickt.

DER PROPHET (1982):

Die klanglichen Eigenheiten und klirrenden Klänge der Wavetable-Synthese werden wie schon bei den
vorangegangenen Veröffentlichungen betont. Sie wirken inzwischen jedoch natürlich verzahnt mit
Rhythmus-Computer, dem Solo-Synthesizer Minimoog und dem analogen String-Synth. Zusätzlich
schichtet Trostel die Sounds durch unterschiedliche Hallanteile im Raum, was dem Klangbild die für
Elektronik-Pop nötige Tiefe verleiht und trockene Effekt-Sounds ganz besonders hervorhebt. Im
Vergleich zu den Vorgängeralben sorgen auch einfachere Sequenzerlinien mit weniger Überlagerungen
für ein luftigeres Klangbild.
Der Grund dafür war die Tatsache, dass Trostel seinen PPG 350 Computer Sequencer und den
Drumcomputer Roland CR-78 durch den Bass-Synth und Step-Sequenzer Roland TB-303 sowie den
Drumcomputer TR-808 ersetzt hatte. Diese damals brandneuen Geräte bildeten ein Dreamteam für
Elektronik-Pop und sind heute unter Musikern begehrte und gesuchte Kultobjekte.
„Bei dieser Produktion steht das rhythmische Element, speziell die variable Programmierung des
Computerschlagzeugs im Vordergrund. Der Prophet war meine kommerziellste Produktion“, erläutert
Trostel. Das Album profitierte auch von den durchsetzungsstarken Sounds der TB-303/TR-808-
Kombination und deren synchronisierbaren Sequenzern.
Bereits 1981 galt der von Trostel eingesetzte PPG Wave Computer 360 A nicht mehr als Speerspitze
zur Erforschung neuer Klangwelten. Er war von moderneren Entwicklungen abgelöst worden. Wolfgang
Palm, Entwickler dieses Synthesizers und Erfinder der Wavetable-Synthese, stellte den PPG Wave 2
mit integrierten Analogfiltern vor, der sich schnell zu einem Verkaufsschlager entwickelte und bis 1984
zum PPG Wave 2.3 weiterentwickelt wurde. Er durfte in keinem Profi-Keyboarder-Setup der 80er-Jahre
fehlen. Parallel gewannen auch die Themen Sampling, Phasen- und Frequenzmodulation für Sound-
Tüftler zunehmend an Bedeutung.
Rückblickend gewinnt man den Eindruck, als sei Trostels enorm produktive Schaffensphase, während
der er innerhalb von zwei Jahren drei Alben veröffentlichte, durch den PPG 360 A Wave Computer und
den PPG 350 Computer Sequencer ausgelöst worden und mit deren Überholtsein auch abgeschlossen
gewesen. In diesen Instrumenten kanalisierte und entlud sich gewissermaßen Trostels klassische
Klavierausbildung.

Quelle: http://www.bureau-b.com

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Till
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Re: Rolf Trostel

Beitrag von Till » Di 9. Aug 2016, 22:12

Gute geschriebene Besprechung.
Aber ich teile nicht die Ansicht des letzten Absatzes.

EM-Musiker wurden und werden immer wieder von der sich weiter entwickelnden Technik ihres Instrumentariums inspiriert. Aber es gibt auch Musiker dich sich einfach aus ihrer Person oder den Lebensumständen sich musikalisch verändern, oder einfach ganz mit der Musik aufhören.
Wer sich mal überlegt was 1983/84 für EM Musik rauskam, der merkt, dass Rolf Musik da nicht mehr so gut reingepasst hätte. Eine Änderung wäre nötig gewesen. Ein anderer Faktor war, das damals häufig Musiker Verträge für zwei oder drei Platten bekamen. Und danach einen neuen Vertrag zu bekommen war nicht immer einfach, vielleicht sogar schwieriger als den ersten zu bekommen.

Für die "Kanalisierung" "Trostels klassischer Klavierausbildung" wären natürlich viele andere Instrumente vor und nach den frühen PPG waves geeignet gewesen. Und selbst ein Klavier, oh Wunder, wäre dafür geeignet. Insbesondere ein PPG 350 Computer Sequenzer hat nichts wirklich mit Klavierspielen zu tun. Und alle im Text genanten Synthesizer verfügen nicht über eine Anschlagdynamik. Somit ist eine Klavierausbildung sogar ein Überqualifikation.

spooky
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Re: Rolf Trostel

Beitrag von spooky » Mi 10. Aug 2016, 11:16

... ich finde seine klassische Klavierausbildung entlud sich hörbar eher in dem wunderbaren
Stück "Dis Moll Adagio" vom '88er Kistenmacher/Schönwälder/Trostel-Sampler "Musique Intemporl"...
https://www.youtube.com/watch?v=C0mp9mYlIF8

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