Berlin 2008

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The Bishop
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Berlin 2008

Beitrag von The Bishop » Mi 19. Jan 2011, 21:45

Nach dem unglaublichen Double Feature von Tangerine Dream und Klaus Schulze beim Night of the Prog Festival auf der Loreley konnte ich mir unmöglich ein weiteres KS-Konzert in Berlin entgehen lassen, also schleppte ich einen Freund mit und los gings.

Trotz kleinerer Startschwierigkeiten - mein Zug hatte Verspätung, so dass ich erst um 20.15 Uhr in Berlin ankam, das Konzert jedoch bereits um 20 Uhr beginnen sollte - kamen wir dennoch rechtzeitig im Schillertheater an, wenn wir auch den größten Teil der Vorgruppe Solar Moon verpasst haben. Schade, denn was wir noch mitbekamen, hörte sich angenehm entspannt und trotzdem rythmisch an - hervorragend nach dem Anreise-Stress.

Danach gabs schon die erste Pause, so dass wir nochmal ganz relaxt etwas trinken und uns über das Bevorstehende austauschen konnten. Das Publikum war ungewöhnlich bunt gemischt, jung und alt, Männlein und Weiblein, Anzug und Kutte - alles war vertreten, von der auf 40 geschminkten 60-jährigen mit Kunstpelz-Stola bis zum vollbärtigen Hot Pants-Träger in Stöckelschuhen (!). Etwas skeptisch war ich dann schon, wie Klaus wohl ankommen würde, wusste ich doch, dass den KS-Circle, den offiziellen Newsletter zu Klaus Schulze, ausschließlich Männer beziehen. Auch lernte ich durch Erfahrung, dass Frauen meist wenig bis gar nichts mit dieser Art von Musik anfangen können. Ich befürchtete schon, ein Drittel des Publikums erwartete etwas völlig anderes oder hatte ein Abo und schaut sich sowieso alles an, ob es nun Klaus Lage, Klaus Schulze oder Klaus&Klaus heißt. Aber ich sollte mich irren, das gesamte Publikum folgte aufmerksam und konzentriert dem Konzert, niemand verließ mittendrin die Vorstellung und der Applaus zum Schluss konnte sich durchaus hören lassen. Doch ich greife vor...

Klaus Schulze & Lisa Gerrard

Klaus begann mit einem kleinen Trick, den er, wie er später gestand, gerne in Theatern anwendet - er begann zu spielen, bevor der Vorhang sich hob. Das hatte eine interessante, spannende Wirkung, wenn diese auch etwas in Spaß verpuffte, als der Vorhang nach 1,50m stoppte und man nur einen kopflosen Klaus zu sehen bekam. Doch diese Panne wehrte nur einige Sekunden und wir konnten unseren gut gelaunten Klaus winkend vor seiner Ritterburg sehen, dezent beleuchtet von einer kleinen aber feinen Lichtanlage.

Das erste Stück war schonmal ein Genuss, ein typisches KS-Werk mit einer leicht extravaganten Einleitung, die überging in die wundervollen, sphärischen Flächen, die ich so an Klaus' Musik liebe, und dann mit einem treibenden, flotten Sequenzer-Sound fortgeführt wurde, der die Füße zum Wippen brachte. Gut 35min gönnte der Meister uns diese wundervollen Klänge, bis sie erneut in ruhigen, scheinbar endlosen Flächen langsam abebbten. Mein Lieblingsstück an diesem Abend.

Nach einer kurzen Ansprache, in der Klaus sich für unsere Konzentration und unseren Respekt bedankte, kündigte er Lisa Gerrard an, die wie schon auf der Loreley in ihrer unvergleichlichen Art zu Klaus' Musik singen sollte. Was dabei sehr gut ankam war die Tatsache, dass es diesmal etwas schmissiger, druckvoller zur Sache ging, als auf dem Prog-Festival im Sommer, bei dem die Athmosphäre eher relaxt und chillig war. Hier jedoch begann Klaus schon mit einer zünftigen Sequenz, die später sogar noch durch eine flottere abgelöst wurde. Die Kritik an seinem letzten Album, er würde lediglich als Begleitmusiker für Lisas dominanten Gesang aufspielen, griff hier überhaupt nicht. Im Gegenteil zeigte diesmal Klaus, wo es lang ging, und Lisa musste sich darauf einstellen - was ihr jedoch hervorragend gelang. Immer wieder ein Phänomen, wie diese zierliche Person in ihrem diesmal goldbronzenen Abendkleid solch Klänge aus ihrem Körper holt, fast ohne den Mund dabei zu öffnen. Dazu in der ihr eigenen, improvisierten Lautsprache, die mal keltisch, mal orientalisch anmutet und bei der man dennoch meint, verstehen zu können, was sie da singt. Faszinierend.

Nach wiederum gut 45min badeten wir die beiden in frenetischen Applaus, Klaus und Lisa gaben sich Bussi und er nannte sie liebevoll "The Goddes of my Voices". Wiederum fragte er das Publikum, was man sich als Zugabe wünsche, und obwohl ich mir noch etwas Solo-Musik gewünscht hätte, waren die Lisa-Rufe unverkennbar lauter, so dass es noch ein Duett der beiden gab, diesmal etwas ruhiger aber dennoch sehr schön und unverkennbar spontan spanisch angehaucht. Leider blieb es bei der einen Zugabe, aber schließlich lag am folgenden Tag schon das nächste Konzert in Polen an.

Alles in allem ein schönes, entspanntes und anspruchsvolles Konzert mit zwei gut aufgelegten Künstlern und einem würdigen Publikum. Leider etwas kurz, wenn man bedenkt, dass Klaus auf der Loreley auch nach zwei Zugaben noch 2x zurückkam. Schade. Dennoch ein tolles Erlebnis, das sogar meinem Freund als Nicht-Fan sehr gut gefallen hat.
"Wenn einer absolut keine Ahnung hat - einfach mal die Fresse halten!" Dieter Nuhr

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